Artikel von Jakob Schrenk
Artikel von Jakob Schrenk

Süddeutsche Zeitung

Wird schon

Sind Männer wirklich nur als Patriarchen oder Schluffis unterwegs? Auf dem Weg zur Gleichberechtigung sind sie weiter, als sie selber glauben

Achtung, in diesem Artikel werde ich die Männer loben! Ich dachte, ich weise vorsorglich gleich darauf hin, damit sich niemand erschreckt. Es ist ja ein wenig aus der Mode gekommen, nett über Männer zu schreiben, zu reden, zu denken.

Das Bild, das gerade auf Demoplakaten, in Parteitagsreden, Zeitschriftenartikeln, Schulbüchern, Talkshows und bei Krisengesprächen an der Kaffeetafel eifrig und mit viel Liebe zum Schwarz-Weiß gezeichnet wird, sieht ungefähr so aus: Der moderne Mann ist ein Mythos, eine Vater Morgana eben, er ist viel zu hart oder viel zu weich, also entweder ein Patriarch, für den Frauen nach wie vor nur Sexobjekte und Putzsubjekte sind, oder ein Kapuzenpullischluffi, der kaum zu unterscheiden ist von den Kindern, die er eigentlich großziehen soll. Die neuen alten Väter verstecken sich hinter Büropflanzen und Hipsterbärten vor den emotionalen und akustischen Herausforderungen des Familienalltags, nehmen Elternzeit wenn überhaupt nur, um mal richtig lange Urlaub zu machen, kochen nicht, wickeln nicht, und falls sie ausnahmsweise doch den Müll rausbringen, kippen sie die Hälfte neben die Tonne.

Lange Zeit habe ich bei diesen Klagen immer schuldbewusst genickt. Bis mir auffiel: Ich kenne diese Typen gar nicht, von denen da immer die Rede ist. Ich sehe sie nirgendwo und niemals! Ich habe selbst zwar noch keine Kinder, putze und koche zu Hause aber ganz sicher mehr als meine Frau. Auch meine Freunde und Kollegen träumen nicht von einer Existenz als Alleinverdiener und wandelnde Kreditkarte, und sie wünschen sich auch nicht diese kleinflächige, dekorative Pubertätsakne zurück. Stattdessen tragen sie die Babykotzeflecken auf dem Hemd so selbstverständlich wie eine Krawatte, machen im Büro einen Powernap, weil sie in der vergangenen Nacht ihr hustendes Kind wieder mit Liedern und Globuli beruhigt haben und brechen nachmittags um halb fünf Richtung Kindergarten auf. Klar, Frauen machen das alles auch und werden trotzdem nicht in Artikeln wie diesen hier gelobt. Aber ich finde ja, dass man auch die Frauen mehr loben sollte. Ich bin allgemein dafür, dass mehr gelobt wird.

Es kann sein, dass mein Freundeskreis in seiner sozioökonomischen Zusammensetzung nicht alle Milieus und Schichten dieser Republik exakt abbildet. Wenn schon: Dann sind wir halt die revolutionäre Avantgarde, der Rest wird folgen! Man muss schon reflexhaft immer und überall den Kopf über die Männer schütteln, um nicht in den Blick zu bekommen, was da gerade passiert und wie schön und großartig das ist.

Der Kinoerfolg des Jahres 1985, »Drei Männer und ein Baby«, hatte als Plot, dass sich, nun ja, drei Männer um ein Baby kümmern. Etwas noch Absurderes und Komischeres konnte sich damals offenbar keiner vorstellen. Vor ein paar Jahren dachte ich noch, ein Mann mit Tragegurt sei die lächerlichste Erscheinung unter Gottes Sonne. Jetzt haben ungefähr alle Männer, die ich kenne, einen umgeschnallt. Gefällt mir eigentlich ganz gut. 30 Prozent aller Väter nehmen heute Elternzeit. Klar, man kann nun wegen der fehlenden 70 Prozent meckern, das tun gerade sehr viele Journalisten. Oder sich daran erinnern, dass bis zum Jahr 2006 Männer nach der Geburt ihres Kindes so gut wie überhaupt nicht zu Hause blieben. Nur zwanzig Prozent aller Männer arbeiten in Teilzeit, das ist nicht viel. Aber ihr Anteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Nach einer Forsa-Umfrage übernehmen immerhin 38 Prozent der Männer ungefähr die Hälfte der Hausarbeit.

Jetzt in diesem Augenblick bröckelt und bröselt die jahrtausendelang in Stein geschlagene Ordnung des Patriarchats, bald wird sie ganz zerbrechen. Wir werden unseren Enkeln erzählen, dass wir dabei waren, live und in Echtzeit. Und die Enkel werden sich ein wenig langweilen, weil sie sich eine Welt ohne Gleichberechtigung noch nicht einmal vorstellen können. Sie werden uns fragen, ob die Frauenquote auch bei Ritterturnieren galt. Wir leben also in einer phantastischen, aufregenden Zeit. Nur scheint das niemand zu merken (außer mir). Warum nur die schlechte Laune, die Häme, der Vater-Kater?

Ich weiß schon, warum viele Frauen so ärgerlich sind. Natürlich sind wir längst nicht am Ziel. Aber es scheint nun einmal in der Natur menschlicher Gesellschaften zu liegen, dass sich die wirklich guten Dinge – das Speichenrad, die Demokratie oder die Niedriggar-Methode – eher langsam durchsetzen. In meinem Freundeskreis wird gerade ein Mann beschimpft, der sich nur drei Monate Elternzeit genommen hat. Klar, sechs Monate wären besser gewesen, oder zwölf. Allerdings arbeitet der Mann in einer Kanzlei, in der bisher der ultimative Beweis von Familienfreundlichkeit darin bestand, um 20.30 Uhr die Schreibtischschublade aufzuziehen, das goldgerahmte Bild von der Einschulung der Tochter zu betrachten, leise zu seufzen und dann die Sekretärin zu bitten, zu Hause anzurufen, es werde mal wieder etwas später.

Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann hat im Jahr 1992 für seine sehr unterhaltsame Studie »Schmutzige Wäsche« junge, aufgeklärte Paare zu ihrer Rollenverteilung im Haushalt befragt. Die Männer und Frauen hatten die besten Absichten, als sie zusammenzogen. Schon nach wenigen Monaten setzten sich aber die alten Handlungsroutinen durch. Viele Frauen hielten die Männer sogar davon ab, die Waschmaschine zu befüllen, weil sie es ja doch nur falsch machen würden.

Alle menschlichen Kulturen, so Kaufmann, haben der Frau das Haus, das Wasser, die Reinlichkeit und die Fürsorge zugeordnet, dem Mann dagegen das Feld, die Sonne, den Schmutz und den Kampf. Unsere Vorstellungen von Sauberkeit und wie man ein Weinglas oder einen Babykopf reinigt, sind tief in unserer Geschichte, in unseren Gefühlen und Gewohnheiten verwurzelt, wir haben darauf gar keinen rationalen Zugriff.

Meine Mutter, die mehrere Regalmeter feministischer Literatur besitzt, hat meinen Schwestern gezeigt, wie man Wäsche wäscht, mir nicht. Also musste mir meine Frau in jahrelanger Arbeit beibringen, dass man ein nasses Bettlaken nicht einfach aus der Trommel ziehen und verkrumpelt über den Ständer werfen darf. Frauen empfinden die Hausarbeit auch deswegen als so anstrengend, weil sie permanent ihren Männern hinterherräumen, sie kontrollieren, korrigieren und erziehen müssen. Dieser Stress wird sich aber auszahlen.

Ich bin schon viel emanzipierter als die Männer in Kaufmanns zwanzig Jahre alter Untersuchung. Als Kinder konnten meine Freunde und ich uns der Sorge unserer Mütter immer sicher sein, ihre Liebe umgab uns wie die Luft. Unsere Väter dagegen waren seltene und zerstreute Besucher im Sandkasten und auf Schultheateraufführungen. Wie wunderbar und wie erstaunlich, dass nun meine Freunde ihre Vatergefühle schubkarrenweise verteilen! Sie geben ihren Kindern ihre ganze Zärtlichkeit und mindestens die halbe Aufmerksamkeit und bekommen genauso viel zurück.

Übrigens ist sogar die Kritik an den Männern selbst ein Beweis, wie unzutreffend diese Kritik ist. Unsere Väter wurden selten für ihre Performance am Wickeltisch gerügt, vor zwanzig, dreißig Jahren war ein emanzipierter Mann noch außerhalb jeder Vorstellungskraft. Gleichberechtigung war etwas, worüber man auf Podiumsdiskussionen sprach und was in Edition-Suhrkamp-Bändchen stand, mit dem Alltag hatte das alles aber nichts zu tun. Nun scheint das Ziel nahe zu sein, die Erwartungen sind groß, und genau deswegen erleben Frauen so viele Erwartungsenttäuschungen.

Vielleicht sind die Frauen auch deshalb so streng, damit die Männer bei ihrer Selbstmodernisierung nicht nachlassen. Allerdings koche ich ja nicht deswegen so oft, weil ich Angst vor Alice Schwarzer oder meiner Frau habe. Die neue Aufgabenverteilung, glaubt die Münchner Soziologin Irmhild Saake, ist weniger das Ergebnis feministischer Kritik als die Folge einer viel umfassenderen und dramatischeren gesellschaftlichen Entwicklung: Wir ertra-gen Hierarchien, Machtunterschiede und traditionelle Rollenbilder nicht mehr, egal, wo sie sich bemerkbar machen. Wir finden es merkwürdig, dass Politiker wichtige Entscheidungen für uns treffen, und möchten mitreden, sogar wenn es nur um einen Bahnhofsumbau in Stuttgart geht. Umgekehrt fühlt sich der moderne Chef unwohl, wenn er Befehle geben muss, er diskutiert lieber mit seinen Untergebenen so lange, bis die endlich wollen, was sie sollen.

»Wir sind Meister der Kommunikation, spiegeln fortwährend unser Gegenüber und können uns problemlos in den Anderen hineinversetzen«, erklärt Saake. So sind wir für jede Art von Ungleichheit sensibilisiert. Den jungen Vätern behagt es nicht, dass nur sie und nicht auch ihre Frauen in der Jobwelt Geld, Status und goldene Uhren erwerben. Sie empfinden es auch als ungerecht, wenn sich das Baby an die Mutter klammert. »Die Männer wollen selbst ihr weinendes Kind trösten«, sagt Saake. »Sie machen dann aber die Erfahrung, dass sich ein Kind nur beruhigen lässt, wenn es einem vertraut. Also müssen sie notgedrungen mehr Zeit mit ihm verbringen.« Wir sollten nicht traurig oder genervt sein, wenn mal wieder ein Baby brüllt: Es ist der Sound der Revolution.

Und wenn das Baby lächelt (was ja auch mal vorkommt), ist es sogar noch besser. Ich zergehe vor Neid, wenn ich die bedingungslose, stürmische Liebe sehe, die Kindern ihren Eltern zeigen: ein Lachen, eine Umarmung, ein verrutschter Kuss. Die Elternzeit für Väter ist eine geniale und hochmanipulative Erfindung. Sie dient als Einstiegsdroge. Männer fremdeln nicht mehr mit ihren Babys, wie das in den Jahrhunderten zuvor der Fall war.

In letzter Zeit sind natürlich auch viele Bücher erschienen, in denen sich Männer mit ihrem Dasein als Mann und Vater beschäftigen. Zuletzt beklagte sich der Autor Arne Hoffmann in »Not am Mann« darüber, dass Jungs in der Schule diskriminiert werden und dass niemand den Männern für ihre Emanzipationsbemühungen danke. Die übliche Antwort auf diese Bücher ist Häme. Dabei ist es doch viel besser, wenn Männer sich zu ihren Papa-Skills und sonstigen weichen Seiten bekennen, anstatt mit ihrem dicken Gehalt und coolen Gehabe anzugeben, was ja ein viel größeres und viel erfolgreicheres literarisches Genre darstellt.

Das Problem ist ganz einfach, dass sich alle, auch die Männer, in einen Rausch der Männerbeschimpfung hineingesteigert haben. In seiner brillanten Analyse »Das unmoralische Geschlecht« beschreibt der Soziologe und Journalist Christoph Kucklick, wie sich die Menschen Ende des 18. Jahrhunderts vor Modernisierungserscheinungen wie Arbeitsteilung, Individualisierung und Traditionszerfall zu fürchten begannen. Als Sündenbock entdeckten dann Denker wie Fichte oder Kant den Mann an sich, den sie als unmoralisch, egoistisch und verantwortungslos verdammten. Diese Klischees mussten die Feministinnen in den Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts dann nur noch ausmalen.

Es wird Zeit für ein neues Männerbild. Es wird auch Zeit für mehr Optimismus. Linke und fortschrittliche Menschen fühlen sich traditionell wohl in ihrem Empörungspanzer und dem Gefühl, dass die Welt ein schlechter Ort ist. Diese Verlierermentalität führt dazu, dass man die eigenen Siege nicht einmal mehr wahrnimmt, egal ob das nun die doppelte Staatsbürgerschaft ist, der Naturschutz oder eben die Emanzipation. Stattdessen entdeckt man immer neue Missstände, die man anprangern oder bejammern kann.

Klar, es bleibt viel zu tun, wir müssen hart arbeiten in der Küche, im Vorstandseckzimmer und im Bundestag, wir müssen noch viele Schlachten schlagen, gegen die Selbstzufriedenen, Starrsinnigen, die Faulen und die Idioten. Gegen die Gestrigen. Und da sind nicht nur Männer gemeint. Eine Frau, die ihrem Partner nichts zutraut, wird ihm Hausarbeit und Baby permanent aus der Hand reißen. Selbst schuld.

In den privaten und politischen Kampf für Gleichberechtigung sollten wir nicht verzagt ziehen, nicht pessimistisch und schlecht gelaunt, sondern mutig, stolz und voller Hoffnung. Wir werden dann nicht nur mehr Kraft und mehr Energie haben, sondern auch einfach viel mehr Spaß.

Süddeutsche Zeitung Magazin Stil Leben

Besser geht’s nicht

Die Chinesen können alles kopieren, wir aber nicht sie: Die perfekten Dim Sum gibt es nur in Hongkong

Vielleicht wird es gar nicht so schlimm. Die Ratte ist sofort weggelaufen, ich musste nur mit dem Fuß aufstampfen. Die Kakerlake, die satt und gelangweilt an der Tischkante entlangbalancierte, hat der Koch lässig gegen die Wand geschnippt. Jetzt liegen diese vier Dim Sum vor mir, vier walnussgroße Täschchen, verpackt in Teig wie Geschenke. Keine Ahnung, was drin ist, Salmonellen, Parasiten, der Tod. Aber hier geht es nicht um meine Gesundheit, sondern um meinen Genuss, und das ist bestimmt nicht das Gleiche.

Also, dann los, ich klebe mir die Essstäbchen in die rechte Hand. Das Dim Sum flutscht weg, einmal, zweimal, dreimal. Schlechte Technik oder Aufregung? Egal. Ich packe das Dim Sum mit Daumen und Fingern und stopfe es mir in den Mund: Ah, aua, heiß, viel zu heiß, oh, oooh, wow, oh mein Gott, oh mein Gott!!! Als würde jemand auf einer Orgel in meinem Kopf den perfekten Akkord anschlagen, drei Töne, die langsam lauter werden, immer lauter. Als würde in meinem Inneren ein riesiger Reißverschluss aufgehen.

 

Zweimal Dim Sum

Ja, ich weiß, das sind unbeholfene Metaphern, aber was soll ich sagen? Eine perfekte Komposition aus gekochter Rinderschulter, Lauchzwiebeln und Zitronenschale, umhüllt von einem Mantel aus Reismehl? Das stimmt so, beschreibt aber kaum den magischen Moment, den ich hier gerade habe. Man muss das schon selbst erleben. Allerdings gibt es hier ein Problem: Die guten, echten, wahren Dim Sum gibt es nur, wo ich gerade bin, die gibt es nur in Hongkong – und sonst nirgends auf der Welt.

Klar, man kann Dim Sum in Berlin ordern, in Neu-Ulm oder in der Chinatown von Los Angeles. Habe ich alles schon gemacht. Der Teig war zu dick oder zu labberig. Die Füllung schmeckte, als hätte sie der Wirt in einer alten Socke gekocht. Ich habe mit dem Spitzenkoch Roland Trettl über das Problem geredet. Trettl hat zehn Jahre lang das Salzburger Restaurant »Ikarus« im Hangar-7 geleitet. Für jeweils einen Monat gastiert dort ein Sternestar aus Stockholm, Lima oder sonst woher und bereitet mit dem Hangar-Team sein berühmtestes Menü zu. Die Mannschaft muss sich also ständig neue kulinarische Techniken erarbeiten. Alginatperlen und in Stickstoff getauchter Gin Tonic seien kein Problem, sagt Trettl. »Nur an Dim Sum traue ich mich nicht, viel zu anspruchsvoll. Das kriegt man bei uns nicht hin.«

Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der Kopie und damit der universellen Durchschnittlichkeit. Ein Kleid, das auf einer Schau von Jil Sander präsentiert wird, hängt täuschend ähnlich wenige Wochen später in den Schaufenstern von COS oder Zara. Die Chinesen fälschen Hochgeschwindigkeitszüge. Die Businessdistrikte und Innenstädte dieser Welt gleichen sich an. Und da gibt es ein einziges Produkt, das sich nicht kopieren und nicht imitieren lässt, so herausragend und so originell ist es: Dim Sum! Aber warum ist das so? Wieso kann man diese chinesischen Ravioli nicht nachmachen? Warum sind sie so besonders? Um diese Fragen zu beantworten, bin ich nach Hongkong gereist, die Teigtaschenhauptstadt. Ich dachte, je mehr ich esse, desto näher komme ich der Wahrheit.

Einen Grund, warum Dim Sum nur in China wirklich gut sind, finde ich schon bei meiner ersten Station, um neun Uhr morgens im, wie erwähnt, hygienisch nicht ganz einwandfreien Restaurant »Saam Hui Yaat , westlich des Stadtzentrums. Klar wundere ich mich über die Patina aus Fett (und Kakerlakenblut?) an den Wänden und darüber, dass ich auf einem Plastikstuhl sitze, dessen altersschwache Beine mit Tape-Verbänden geschient wurden. Dann verstehe ich: In Deutschland verschwenden Wirte ihre Energie auf die Auswahl von Designerservietten und kleben Vintage-Schriftrollen an die Wand – das Interieur des »Saam Hui Yaat« hingegen formuliert so eine klare Botschaft: »Wir kümmern uns ums Kochen und um sonst nichts!« Perfektion durch Konzentration.

Mein nächster Stopp liegt in der Innenstadt, in der Endstation des Expresszugs vom Flughafen. Vor dem »Tim Ho Wan« stehen in einer langen, gewundenen Schlange etwa 200 Leute. Sie haben schon die Speisekarte bekommen, die gleichzeitig der Bestellzettel ist, und versenken die Köpfe darin wie in ein Gebetbuch. »Wenn etwas den Chinesen zu völligem Ernst zwingt, so ist es weder die Religion noch die Bildung, sondern das Essen«, meinte der Nationaldichter Lin Yutang in den 1930er-Jahren. Niemand in der Schlange murrt. Nach neunzig Minuten bin ich im Restaurant. Der Kellner bringt die Bestellung. Ich reiße ihm das Bastkörbchen aus der Hand, der Deckel fällt herunter. Ich weiß, warum jetzt Zweifel am Wahrheitsgehalt meiner Schilderung entstehen, aber wirklich, mir kommen fast die Tränen. Der Reisteig ist hauchdünn und ein wenig durchsichtig. So wie ein Kleid die Alleinstellungsmerkmale einer Frau dadurch betont, dass es sie verdeckt, werden hier die leuchtend orangen Shrimps gleichzeitig verhüllt und enthüllt. Dim Sum mit Hühnerfleisch und Ananas. Dim Sum mit Leber und Zitronengras. Dim Sum mit: keine Ahnung, aber schmeckt toll!

In der Küche schneidet ein Mann mit einem Hackmesser eine hauchdünne Scheibe von einer Teigrolle, wirbelt das Stück mit dem Messer durch die Luft, lässt es nach zwei Salti wieder auf die Klinge fallen und schlägt die Scheibe dreimal gegen ein Holzbrett. Dann geht es wieder von vorne los. Im Vergleich mit diesem Mann hatte Sisyphos eine schludrige Berufsauffassung. »Ich mache den ganzen Tag nichts anderes«, erklärt mir Tam, als ich es endlich geschafft habe, meinen Bauch in Richtung Küche zu wuchten. Tam ist 27 Jahre alt, mit seiner dürren Figur und den kurzen, hochgestellten Haaren erinnert er an ein Streichholz. Man kann wirklich sagen, dass Tam für seinen Job brennt. »Ich habe ein Jahr gebraucht, um den Teig so fein zu bekommen«, sagt er. Ich habe lange das Gerede über Textur für, nun ja, Gerede gehalten. Jetzt aber verstehe ich: Wie sich etwas, das wir essen, im Mund anfühlt, ist genauso wichtig wie der Geschmack. Und die Textur eines Dim Sum besteht aus einem großartigen Kontrast. Ein knackiger Shrimp zum Beispiel und der hauchdünne Reisteig, fest und weich zugleich, eigentlich hatte ich diese Empfindung bisher nur ein einziges Mal in meinem Leben: bei meinem ersten Zungenkuss. In der Küche arbeiten auf vielleicht sechs Quadratmetern noch acht andere Köche, es ist mit den Gesetzen der Physik nicht zu erklären, warum sie niemals gegeneinanderstoßen. Jeder von ihnen hat eine spezielle Aufgabe, kocht die Füllung oder dämpft die Taschen. Auch diese Aromenakkordarbeit erklärt die Qualität der chinesischen Dim Sum, in der westlichen Welt wäre sie einfach nicht möglich: Kein hochtalentierter Koch würde sich auf Jahre hinaus mit einer einzigen monotonen Aufgabe zufriedengeben. Finanzieren könnte man den Personalaufwand auch nicht. Tam bekommt 900 Euro im Monat, wobei man wissen muss, dass Hongkong eine der teuersten Städte der Welt ist. An der Kasse zahle ich vierzehn Euro. Das »Tim Ho Wan« sieht wie ein Dönerladen aus, hat aber seit 2010 einen Stern und gilt als billigstes Michelin-Restaurant der Welt.

Auf dem Weg zum nächsten Restaurant zieht vor dem Taxifenster die Innenstadt von Hongkong vorbei wie in einem Werbefilm für den Konsumkapitalismus: Gucci, HSBC, Brooks Brothers, Citibank. Die Wolkenkratzer und Flagshipstores spiegeln sich gegenseitig in ihren blinkenden Fassaden, man könnte jetzt auch in London oder New York sein. Allerdings liegt neben, zwischen und unter diesem Hochglanz-Hongkong noch eine zweite Stadt. Unter einer Autobahnbrücke picknicken philippinische Dienstmädchen. In einer Hochhausschlucht stapeln sich Garküchen, in denen Slim-Fit-Banker einträchtig neben Bauarbeitern sitzen. Die Bauarbeiter haben sich aus unerfindlichen Gründen das T-Shirt über den Bauch geschoben und zusammengeknotet, sie tragen also eine Art BH. Alle essen Dim Sum, über ihren Köpfen baumelt ein Hochspannungskabel, das sie jederzeit in den Himmel oder die Hölle befördern könnte. Große Städte sind widersprüchlich, Armut und Reichtum, Ordnung und Anarchie existieren nebeneinander. Hongkong ist eine besonders große Stadt, aber die Gegensätze werden auch versöhnt, zumindest für ein paar Minuten. Die Zeit, die es braucht, um ein paar Teigtaschen zu essen. Dim Sum bedeutet übrigens »eine Kleinigkeit, die das Herz berührt«. Die Chinesen behaupten, vor über 3000 Jahren die Nudel erfunden zu haben, zu dieser Familie gehören auch die Dim Sum. Während sich in Europa Römer, Goten, Franken, Asterix und Obelix niedermetzelten, herrschten in China vergleichsweise stabile Zustände. Der Soziologe Norbert Elias hat festgestellt, dass in China über Jahrhunderte die gesellschaftliche Elite nicht von Kriegern, sondern von Beamten gebildet wurde. Diese hatten Zeit und Muße und verfeinerten ihre Manieren und Essgewohnheiten immer weiter. Der deutsche Familienvater zerteilt noch heute vor den Gästen Rinderhüfte mit einem riesigen Messer, einer Art Schwert also: der Krieg im Esszimmer. Die Chinesen dagegen essen seit 1500 v. Chr. mit spitzen Fingern und kleinen Stäbchen, was voraussetzte, dass das Essen schon in der Küche in appetitliche Häppchen zerteilt wurde. Dim Sum wurden vor allem in der Gegend von Hongkong populär. Und anders als im kommunistischen China, wo bei den Hungersnöten in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Millionen Menschen starben, hatten in der turbokapitalistischen englischen Kronkolonie auch die Armen immer ein paar Dollar übrig, um in einer Garküche zu essen, den Hunger zu stillen und den Geschmackssinn zu verbessern.

»Seit siebzig Jahren mache ich nichts anderes als Dim Sum«, sagt Uncle Ocean, Chef der »San Hing«-Garküche in Kennedy Town. Er ist 84 Jahre alt und sieht keinen Tag jünger aus. Seine Augenringe sind so tief, dass sie die Lachfalten um seinen Mund berühren. Jeden Tag von drei Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags arbeitet Uncle Ocean, die Hitze der Küche hat alle Flüssigkeit aus seinem Körper gedampft. Und wenn er sich dann mit einer Hand am Herd abstützt und bewegungslos in das Körbchen starrt, in dem die Dim Sum garen, sieht er aus wie ein Denkmal, das den Begriff Pflichtbewusstsein darstellen soll. Wenn ein Dim Sum fertig ist, gibt er es mir in die Hand, und ich stecke es mir dann sofort in den Mund.

Der Inhalt der Taschen scheint immer aus zwei stark kontrastierenden Aromen zu bestehen, die über einen dritten Geschmack versöhnt und verbunden werden. So wird zum Beispiel dem rauchig-süßlichen Geschmack von gegrilltem Schweinefleisch die frische Säure von Zitronengras entgegengesetzt, die Jodnote eines Wachteleis fungiert als Mittler. Weil ich so stolz auf meine Erkenntnis bin, erkläre ich sie Uncle Ocean dreimal hintereinander. Irgendwann sagt er: »Ich mache das, was mir meine Mutter schon vorgesetzt hat. Ich denke jahrelang darüber nach, ob ich etwas mehr Salz nehmen soll.« Das ist ein weiteres Geheimnis der chinesischen Dim Sum: Die Köche der westlichen Welt inszenieren sich als Stars im Trockeneisnebel und träumen davon, ein Gericht zu erfinden, das mit ihrem Namen verbunden wird. Ihre chinesischen Kollegen sind demütig und stellen sich in eine jahrtausendealte kulinarische Geschichte, wollen das Gute bewahren und ganz vorsichtig noch verfeinern. Perfektion durch Tradition.

Es ist fünf Uhr, als ich Uncle Ocean die Hand schüttle und leicht schwankend auf die Straße trete. Zum Reden und Essen habe ich zwei oder drei Bier getrunken. Oder vier? Alkohol, Müdigkeit und viel zu viel Fett in meinem Magen verschwören sich gegen mich. Ein Taxifahrer kutschiert mich in die Vorstadt, auf der Suche nach einem Dim-Sum-Lokal, das abends geöffnet hat, eigentlich isst man das Zeug morgens oder mittags. Es ist für meinen Gesundheitszustand nicht unbedingt förderlich, dass wir das Lokal finden. Und dann noch eins, das immer offen hat. New York mag die Stadt sein, die niemals schläft. Hongkong ist die Stadt, die immer isst, und dieses Motto gilt nun auch für mich, ich werde der Dim Sum einfach nie überdrüssig. Irgendwann bin ich dann wieder im Zentrum. Chinesisches Interesse an Langnasenmenschen vermischt sich mit britischer Small-Talk-Kultur, ständig wollen irgendwelche Fremde mit mir über Hitler oder Toni Kroos sprechen, drücken mir Gin-Tonic-Gläser in die Hand und schieben mich in Clubs, die genauso langweilig aussehen wie in München oder Paris. Aber ich will mich nicht über diese Verwestlichung aufregen, die kapitalistische Energie ist ja einer der Reize der Stadt. Einfach jeder hier ist hypernervös und ehrgeizig, egal worum es geht. Bei Grün sofort losfahren. Gut kochen. Gut aussehen. Eine Frau, die sich ihr Kleid offenbar auf den Leib gebügelt hat, ruft mir die ganze Zeit etwas ins Ohr, das ich nicht verstehe. Vielleicht ist das auch besser so. Irgendwann brülle ich: »I am only here for eating!« Die Frau lässt sofort von mir ab. Und ich denke wieder an meinen Forschungsauftrag und gehe auf die Straße. Es ist schon früh am Morgen. Ich lasse mich in ein Taxi fallen und spreche die einzigen Wörter aus, die ich auf Chinesisch kann: Dim Sum!

Der Fahrer wirft mich an einer Markthalle raus, dem Cooked Food Center in Mong Kok nördlich des Zentrums. Das Gemüse sieht so bunt und frisch aus, als wäre Glutamat darübergekippt worden. Und das ist natürlich ein weiterer Grund, warum alles so großartig schmeckt. Das Klima in Hongkong und Umgebung ist warm und feucht. Shrimps, Hummer oder Litschis, hier wächst und gedeiht einfach alles. Hongkong ist das Schaufenster der Schöpfung.

Vor dem Dim-Sum-Stand der Markthalle sitzt eine Gruppe alter Männer. Jeder von ihnen hat einen Käfig mitgebracht. Ich komme mit Lan Po ins Gespräch, einem Rentner, der sich Sonnenbrille und Zähne in einem Laden für Scherzartikel gekauft haben muss. »Unsere Vögel brauchen den Austausch, wir können uns aber nicht in unseren Wohnungen besuchen, weil die zu klein sind«, erzählt er. Die hohen Mietpreise der Stadt treiben die Leute auf die Straße, die Bürger Hongkongs gehen ständig essen, aber wahllos sind sie nicht. Lan Po lässt gedünstete Hühnerfüße zurückgehen, die ihm nicht gar genug sind, und sagt: »Wir kommen seit zehn Jahren hierher, aber wenn es uns nicht mehr schmeckt, suchen wir uns ein anderes Lokal.« Im Laufe eines Tages und einer Nacht habe ich unglaublich viele leere und einige komplett überfüllte Dim-Sum-Läden gesehen. Erbarmungslose Konkurrenz sowie die perfektionistische Anspruchshaltung und der Herdentrieb der Gäste halten die Köche auf Trab und sorgen so für unerreichbare Qualität: kulinarischer Kapitalismus.

Hongkong ist eine brutale Stadt – und gleichzeitig seltsam zärtlich. Um zehn Uhr morgens ist es schon wieder unbeschreiblich heiß. Aber die Wolkenkratzer stehen so eng, dass nirgendwo direktes Licht auf den Boden fällt, die Strahlen sind immer schon gespiegelt und gebrochen, das Licht ist diffus, sanft und weich. Die Taifune der vergangenen Jahre haben die grellen Farben aus den Gebäuden gewaschen, zumindest stelle ich mir das so vor, und jetzt dominieren Pastelltöne wie Altrosa, Beige und Türkis, das sieht unwirklich aus, wie in einer Märchenstadt. Das Brummen des Verkehrs mischt sich mit dem Singsang der Vögel. Lan Po zieht ein Silberdöschen mit zwei weißen Würmern hervor. Er spießt den kleineren auf und hält ihn dem Vogel im Käfig hin. Der Vogel dreht den Kopf weg. Lan Po nimmt den größeren Wurm, der Vogel schnappt zu. Ich nehme mir daran ein Beispiel und den letzten Bissen Dim Sum in den Mund. Ente und Ingwer. Ich schließe die Augen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich je wieder irgendetwas essen werde, aber das macht nichts. Besser kann es eh nicht mehr werden.