Artikel von Barbara Hoefler
Artikel von Barbara Hoefler

NZZ am Sonntag

Je ne sais pourquoi

Super Geliebte, perfekte Mutter, cooler Job und auf Rotwein- und Zigaretten-Diät dünner als alle anderen: Seit Jahren machen uns die Französinnen weis, sie könnten alles besser. Da kann doch etwas nicht stimmen.

Europaweit ist niemand schlanker als die Schweizerin. Die Schweizerin hat laut WHO den niedrigsten Body-Mass-Index. International könnten wir uns wirklich sehen lassen, gälten wir nicht obendrein als »verklemmt, unnahbar« und aussehend »wie viele« (Schweizer »Bachelorette«-Sebastian) beziehungsweise wie eine »Vogelscheuche« (René Kuhn, Ex-Präsident SVP Luzern). Das Problem der Schweizerin ist evident: Sie ist keine Französin.
Die Französin wird von ihren Landsleuten nie durch den Kakao gezogen. Und auch international hat man nur Bewunderung für sie. Französin. Mit »ö«, wie in graziös. Die wohl letzte Bevölkerungsgruppe, bei der siebzig Jahre nach dem Scheitern der Rassekunde Optik und Charakter noch ganz und gar auf Rasse und Herkunft reduziert werden. Französinnen – »Essenz von Geschmack, Energie, Charakter und unabhängiger Eleganz« (Jean-Charles de Castelbajac), eigentlich »keine Nationalität, sondern ein Geisteszustand« (Emanuel Ungaro). »Ein Geisteszustand, der durch eine Haltung ausgedrückt wird. Es ist also: Inès de La Fressange« (Karl Lagerfeld).Glück für uns, dass Französinnen wie das Ex-Chanel-Model La Fressange ihre Genialität mittlerweile gerne mit uns Buckligen im Rest der Welt teilen: im Französinnenratgeber. Fressange, mit 58 Jahren besser aussehend als alle 18-Jährigen auf Erden, kapriziert sich auf Mode (»Parisian Chic«). Andere lehren »Warum französische Frauen nicht dick werden«, »Warum französische Frauen jünger aussehen«. Wieder andere wissen besser, »warum französische Kinder keine Nervensägen sind« (Pamela Duckerman). Und nun lüftet gleich eine ganze Quadriga noch die letzten Geheimnisse des Französinnenerfolges: mit dem Schlüsselwerk »How to be Parisian wherever you are. Liebe, Stil & Lässigkeit à la française«.
Wo auch immer das Traktat bis jetzt aufgetaucht ist – seit Jahresanfang in 26 Ländern –, wurde es in kürzester Zeit zum Bestseller. Auf Deutsch erschien es am 29. Juli, verkauft sich jetzt in der sechsten Auflage und nicht mehr nur im Buchhandel, sondern auch in Boutiquen. Das Ding ist offenbar dabei, Handtasche zu werden, Must-have der Saison auf einem Planeten, auf dem alle Frauen Französinnen sein wollen.Wer also ist diese Französin? So viel erst einmal: Sie ist nouveau.
Nichtmehr Jeanne d’Arc, nicht mehr Coco Chanel. Sondern die zeitgemäße Neuinterpretation ihres eigenen Riesenmythos, der ihrer eigenen Einschätzung nach bis zum Hof des Sonnenkönigs reicht. In Kapitel 1, »Die Grundlagen«, präsentiert sich dieser neue Zenit der Schöpfung ganzseitig schwarz-weiss: eine ungeschminkte Brünette schaut aus zerwühlten Bettlaken, Arm hinterm Kopf, postkoitale Kippe im Mundwinkel. Gegenüber eine Liste gesammelter Französinnenweisheiten: »zum Vorsagen vor dem allabendlichen Schlafengehen, selbst wenn man betrunken ist«. Vieles davon klingt schon gelesen wie gelallt, zum Beispiel: »Man sollte mit den Männern leben, statt sich ständig an ihnen zu reiben. Außer im Bett.« Nicht ordinär, aber pubertär: »Such dir etwas aus, was jeder mag – die Oper, Kätzchen, Erdbeeren – und verabscheue es.« Anderes offen verzweifelt: »Sei allzeit bereit: ob sonntagmorgens beim Bäcker, beim Kippenkaufen mitten in der Nacht oder wenn du die Kinder von der Schule abholst.«
Wer jetzt noch fragt: »Wozu bereit?«, ist noch keine Französin und weit davon entfernt, Pariserin zu sein – die Reinform der Daseinsform, definiert vier Seiten später als «ganz einfach durchgeknallt». Dieses Ziel haben sämtliche der vier Autorinnen erreicht.
Sophie Mas, Filmproduzentin. Anne Berest, Schriftstellerin. Audrey Diwan, Drehbuchautorin. Und der weibliche Mick Jagger aus der Einstiegsszene – Caroline de Maigret. Vierzigjähriges Fotomodell, Plattenlabel-Gründerin, Musikproduzentin. Diese Pariserinnen, das sind alles Stilikonen, die ihre Haare nicht kämmen, Kosmopolitinnen mit Zweitwohnsitz in New York, Geschäftsfrauen, Mütter, Vamps. Nicht eins davon. Alles in einem. Kurz gesagt: Es handelt sich um karriereorientierte, feuilletonlesende Sex-Biester mit Muttereignung. Eine völlig neue Gattung Mensch.
All das jedoch kommt nicht vom französischen Erbgut, sondern von ganz allein, so die These aller Pariserinnenratgeber. Benötigt wird lediglich dieses berühmte Je ne sais quoi. »Es ist überraschend zu sehen, wie viel Druck einige Frauen sich selbst auferlegen, um im Job, als Mutter und als Freundin perfekt zu sein«, wundert de Maigret sich kopfschüttelnd – und dann weniger glaubwürdig: »Wir wollen ihnen sagen: Die perfekte Frau gibt es nicht, also hört auf, euch schlecht zu fühlen, und fangt an, Spaß zu haben!« Sich selbst als nicht perfekt darzustellen, im vollkommenen Bewusstsein, perfekt zu sein, treibt die Perfektion der Pariserin uneinholbar auf den Gipfel. In fünf Kapiteln wird dennoch exerziert, wie man so etwas auch als Schweizerin schafft.
Diät? Sicher nicht. Ernährung besteht ohnehin nur aus »Kaffee und Zigaretten«. Fitnessstudiovertrag – ja. Aber im letzten Moment lieber Mädelsabend mit Gin statt Gym. Alkohol spielt ohnehin eine zentrale Rolle, vom »After-Sex-Lunch« mit Rotwein bis zum offenen Besäufnis im Café de Flore. La vie est prall! Mit dem Alkoholiker-Style harmoniert der Style sans effort. Stundenlang im Bad werkeln, um präzisionsverstrubbelt und auf ungeschminkt geschminkt rauszukommen. Der masochistisch effektlose Aufwand: »die Kunst der Schönheit – à la Parisienne«.
Irgendwo in dem Themenverhau findet sich noch eine Literaturliste mit Büchern, die man ins Regal stellen muss. Und eine mit solchen, die man lesen sollte. Bildung überhaupt. Vernissagen, Theater, Museen, aber auch jedes Konzert eines kanadischen Elektro-Pop-Duos. Kultur ist ja »wie gesundes Essen und lässt den Teint strahlen«. Einen erfüllenden Vollzeitjob, einen Schwung Kinder aus mehreren Partnerkonstellationen und den nächsten Französinnenratgeber in der Mache hat diese Frau ja allerdings auch noch. Das nun wirklich bahnbrechende Geheimnis, wie die Pariserin es schafft, trotzdem auch noch den besten Sex der Welt zu haben, lautet: »Sie verzichtet auf gar nichts.« Hätte man das einmal früher gewusst.
Gerade beim Thema Sex lohnt es sich aber nachzuhaken. Französinnen gelten als grösste Verführung, seit Gott Paris schuf. Vorsichtig fragen möchte man nur, wem die strubblige Neopariserin diesen Ruf in der Gegenwart eigentlich verdankt. Ist ihre Verführungskraft vielleicht nur das Ergebnis der Barbarei französischer Männer? Sie haben sich ja offenbar überhaupt nicht Griff: Der letzte IMF-Chef, den Frankreich stellte, musste gerade wegen Zuhälterei vor Gericht. Der dreimal geschiedene Ex-Präsident Sarkozy hat in kürzester Zeit seine vierte Frau, Carla Bruni, komplett ramponiert, und sein Nachfolger François Hollande betrog seine Frau Valérie Trierweiler in aller Öffentlichkeit mit einer 18 Jahre Jüngeren. Als Antwort haben Französinnen sich offenbar in einen Machtkampf mit den Männern um den Titel des größten Machos verstrickt. Und – wie soll es anders sein? – sie führen. In mehreren Kapiteln schildern Maigret und Co. Spezialwissen im Stile von: »Wie man ihn glauben lässt, dass man eine Affäre hat« (die beste Freundin im Handy als Serge abspeichern), »Wie man einen Mann aus dem Konzept bringt« (dem Kollegen im Meeting die Hand auf den Oberschenkel legen). Kunst der Gleichberechtigung – à la Parisienne.
Nun ist es nicht so, dass es das hier propagierte Frauenbild nicht auch in anderen Kulturen gäbe. Überall sonst als in Frankreich rufen magersüchtige, kettenrauchende Mütter, die schon beim Croissant-Holen an Sex denken, mittags mit Weißwein anfangen, dem Kollegen im Meeting angesoffen ans Bein tatschen, abends verstrubbelt die Blagen von der Ganztagskrippe holen und sich den Rest des Tages in den Federn wälzen, nur relativ rasch das Jugendamt auf den Plan. Einzig Französinnen verkaufen eine verlotterte Existenz als Lebensstil, wenn nicht gar als »Emanzipation«. Es muss sich um einen Übersetzungsfehler handeln. Bei uns versteht man darunter die Freiheit, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten, sich für und gegen dies und das zu entscheiden. Französinnen aber wollen uns weismachen, dass Selbstbestimmung erst anfängt, wo man alle Rollenbilder, die eine Frau überhaupt ausfüllen kann, gleichzeitig annimmt. Und dabei lässig, chic, reich, schön, Heilige und Hure ist und am Schluss noch »die Rechnung bezahlt, bevor er danach gefragt hat« (Kapitel »Liebe deine Laster«). Diese Frau ist die reinste Männerphantasie. Nur schlimmer: Sie will es selbst! Sie möchte Maria Magdalena und Jenna Jameson der Hochleistungsgesellschaft sein. Ein Gleis, das sicher zu Burnout, Leberzirrhose und Lungenkrebs führt. Das ist krank. Die Französin braucht Hilfe. Schweizerinnen sollten sich solidarisch zeigen und mit Ratgebern zurückschießen. Ein Anknüpfungspunkt könnte hier das ganz spezielle, bisher als verklemmt und unnahbar fehlinterpretierte Je ne sais pourquoi der Schweizerin sein.

NZZ am Sonntag

Bitte nicht schütteln

Statt sachlich zu diskutieren, werden in öffentlichen Debatten immer häufiger verletzte Gefühle geltend gemacht. Die Radikalsensiblen geben sich dabei progressiv

Roberto Blanco sang 1972 »Ein bisschen Spass muss sein«. Unter Spass verstand der Schlagersänger, Franz Josef Strauss beim CSU-Parteitag zuzurufen:»Wir Schwarzen müssen zusammenhalten!« Jetzt hat der Spass ein Loch. Ein CSU-Politiker nannte Blanco in einer Talkshow einen »wunderbaren Neger«. Neger. N-Gate. Rücktrittsrufe. Völlig überraschend geriet anderntags noch einer unter Nazi-Verdacht. Blanco selbst, der kommentierte: »Ich habe mit Neger kein Problem. Ich fühle mich weder beleidigt noch verletzt.« Bamm!

Die anderen sind in der Causa aber mittlerweile alle beleidigt und verletzt: Talkshow-Moderator, Zuschauer, Faschisten, Afrikanisten, Schwarze, Weisse und natürlich die äusserst reizbare Internet-Crowd. »Sprache ist eine Waffe«, sagte Kurt Tucholsky. Mit dem N-Wort wird heute jeder zum Bombenleger. Zum Aggressor gegen die Menschlichkeit, die sich zunehmend als Überempfindlichkeit definiert, wie es scheint.

Die Allersensibelsten richten in sozialen Netzwerken ernsthaft darüber, ob Roberto Blanco das trojanische Pferd der Rassisten ist. Der Faschismusgehalt der Aussage des bayrischen Innenministers Joachim Herrmann wird dagegen vergleichsweise lax überprüft. In der Talkshow zitierte Herrmann das böse Wort eigentlich nur aus einer Umfrage-Zuspielung kurz vorher. Wer ihm Rassismus vorwerfen will, könnte sich auch mit der Ausländerpolitik beschäftigen. Aber das entspricht nicht dem Niveau zeitgenössisch geführter Diskussion.

Konflikte, so scheint es, werden heute immer weniger mit harten Argumenten ausgetragen. Sie geraten stattdessen zunehmend zu hysterischen Gesinnungsdebatten, deren Gegenstand nicht mehr die Sache ist, sondern die Gesinnung und wer wen damit wie stark in seinen Gefühlen verletzt. Gewonnen hat, wie im Sandkasten, wer als Erster schreit.

Schon vor ein paar Jahren verwandelten sich bei der Frage, ob der »Negerkönig« zum Schutze zarter Kinderseelen aus Pippi Langstrumpf gelöscht werden muss, liberale Bücherleser in blutrünstige Hyänen. Jetzt erleben wir die Steigerungsform dieser Tendenz zur völligen Übertreibung: statt Wut nun Gekränktsein als Trumpf.

Mit Sätzen wie »Ich bin enttäuscht von dir« oder »Es verletzt mich, dass du…« werden Opferemotionen artikuliert und wird der andere in die Täterrolle gezwungen. Raus geht’s nur noch per Entschuldigung, die wiederum ein Schuldeingeständnis ist. Schneller kann man eine Diskussion nicht gewinnen. Schneller verlieren auch nicht.

In den Sprachgemetzeln der Gegenwart geht es nicht mehr nur um einzelne Tabuwörter. Tabu sind heute ganze Themenkomplexe, da nur noch emotional, also gar nicht mehr diskutierbar: Homöopathie, sämtliche Gender-Fragen, Siedlungspolitik Israels, Asylpolitik der EU, Tierschutz, Klimawandel, Jeans aus Kambodscha. Je kleiner die Gruppe, die sich dabei angegriffen fühlt, umso berechtigter wirkt ihr Ruf nach Schutz durch die Gemeinschaft – sprich: nach Sanktion.

Die Supermarktkette Aldi nahm Anfang des Jahres eine »1001 Nach«-Seife mit Moschee vorn drauf aus dem Sortiment, Lego einen Bausatz »Jabba’s Palace« aus der »Star Wars«-Kollektion, der der Hagia Sophia in Istanbul ähnelte. Verletzung der religiösen Gefühle der empörten muslimischen Minderheit. Der »Hart, aber fair«-Moderator Frank Plasberg wiederholte diese Woche eine Folge – als Neudreh. Beim ersten Versuch im März hatte er sich nach dem Geschmack von Frauenverbänden zu stark über die Gender-Forschung amüsiert.

Die Splittergruppe der Transsexuellen dagegen wartet derzeit noch auf Ausgleich für die Kränkung durch Feministinnen, die mit »Frau« immer nur Frauen meinen, die schwanger werden können. Es gehört dazu, dass die verletzte Partei ihrem Hass dann in möglichst beleidigender Weise freien Lauf lassen darf. So kreischt eine Trans-Bloggerin: »Wenn dein Feminismus zu engstirnig ist, um unsere Perspektive mitzudenken: Get your shit done!«

Noch mehr Sprachregelungen würden hier aber kaum zur Deeskalation beitragen. Sie übererfüllen ihren Zweck bereits: Statt für mehr Verhandlungssicherheit sorgen sie in ihrer schieren Masse oftmals eher für Verhandlungsunfähigkeit. Dazu warf sich gerade in einer Harakiri-Aktion »Die Zeit« mit dem Titel »Was man nicht mehr sagen darf« in die Schlacht. Tenor: Wo alle kommunikative Schonung fordern, werden Sprechverbote zu Denkverboten, das Sich-gekränkt-Geben zum politischen Mittel. »Die entscheidende Macht hat nicht, wer spricht, sondern wer andere vom Sprechen abhalten kann«, so der Autor Jens Jessen. Oder mit anderen Worten: Meinungsfreiheit muss eine Demokratie aushalten können. Wenn nicht, hat sie ein Problem.

Das Problem tritt in den USA, wo alles bigger und meist auch etwas früher ist, bereits klarer zutage. Das Magazin »Atlantic« beobachtete unlängst eine Institutionalisierung des Gekränktseins als Machtinstrument. Ausgerechnet am Hort der konkurrierenden Meinungen und Theorien, an der Universität, fordern Studenten immer öfter, von unliebsamen Worten und Ideen bitte verschont zu werden. Harvard-Studenten baten ihre Jura-Professoren etwa, die Rechtslage in Vergewaltigungsfällen aus dem Curriculum zu streichen – und auch das Wort »to violate«. Beides verletzt die Gefühle der angehenden Juristen zu stark. Vergewaltigungsopfer müssten in den USA demnach, so ist zu befürchten, künftig ohne Gerichte auskommen.

Ende August verweigerten die Studenten der Duke University North Carolina die Lektüre eines Comics der Cartoonistin Alison Bechdel (»Fun Home«). Es kommen darin Nackte vor. Zu »pornografisch«. Klassiker der Weltliteratur wie »The Great Gatsby« von Scott Fitzgerald können nicht mehr ohne Warnung vor »domestic violence« besprochen werden: Jemand könnte traumatisiert werden.

Wo der Opferdruck der Hypersensiblen die freie Lehre nicht beeinträchtigt, regelt er die freie Rede auf dem Campus. Microaggressions lautet das Stichwort. 1954 waren Alltagsrassismen gegen Schwarze damit gemeint. Heute listet ein Merkblatt aus dem Büro des Präsidenten der University of California etwa den Satz »I don’t believe in race« auf. Man leugne damit »Erfahrung und Geschichte der rassischen/ethnischen Identität«. »America is the land of opportunity« darf man auch nicht sagen. Damit unterschlägt man die Rolle von Rasse und Geschlecht beim Erfolg. An einer Uni in Massachusetts wurde derweil die Aktion einer asiatischen Minderheit zum Thema microaggressions abgebrochen. Aussagen wie »Aren’t you supposed to be good at math?« waren, wenn auch nur als Übung gemeint, einzelnen Studenten zu mikroaggressiv.

Eine ursprünglich gute Sache ist hier völlig aus dem Ruder gelaufen: die »political correctness« der achtziger Jahre. Ging es dabei früher um eine gerechtere Gesellschaft und die Emanzipation von Randgruppen, geht es den Radikalsensiblen heute nur noch um Macht und persönliches Wohl. Ein »rachsüchtiges Protektorat« habe sich ausgebildet, so der »Atlantic«, das nicht nur ständig Rücksichtnahme für sich selbst fordere, sondern auch die Bestrafung aller Andersdenkenden. An der Uni Michigan wurde ein Student, der einen Witz über microaggressions machte, von einer Gruppe weiblicher Furien heimgesucht, die seine Haustür mit Eiern, Hotdogs und der Botschaft »Everyone hates you, you violent prick« versahen. An der HU Berlin versuchen Soziologiestudenten seit Monaten den Politologen Herfried Münkler loszuwerden, indem sie im »Münkler Watch« nach jeder Vorlesung dessen angeblich sexistische und rassistische Äusserungen bloggen.

Was hier vor sich geht, ist kaum anders als eine kollektive Verhaltensstörung zu beschreiben: zwanghaftes Schwarz-Weiss-Denken, Rückschluss von eigenen negativen Gefühlen auf die Realität, mentales Filtern, Katastrophieren und übertriebenes Verallgemeinern.

Liegt’s an der Überbehütung durch zunehmend sicherheitsneurotische Eltern? Sorgt Facebook für Verdummung, wo Parolen mehr Anerkennung bringen als Abwägen und differenzierte Meinung? Möglicherweise funktioniert der Rückzug auf spontane Emotionen auch als Mittel der Komplexitätsreduktion. Wie auch immer: Die Verhaltensstörung muss schleunigst therapiert werden. Denn es verdirbt dabei nicht nur der Charakter. Demokratie ist ebenfalls nur mit Kritikfähigkeit, Urteilskraft und dem Aushalten mehrerer Wahrheiten zu machen. Alles andere wäre microaggressive der ganzen Gesellschaft gegenüber.

NZZ am Sonntag

Das Madonna-Syndrom

Das Alter steht den Männern besser als den Frauen – so will es das hartnäckige Vorurteil, an dem auch der Feminismus bisher nichts zu ändern vermochte. Schuld daran ist aber nicht das Patriarchat, sondern dass der Sex-Appeal in unserer Gesellschaft überbewertet wird

Im Traum und im Kino ist alles möglich. Im Kino vor allem für Männer. Alte Haudegen küssen dort regelmässig sehr viel jüngere Partnerinnen. Ein Age-Gap von über 30 Jahren ist üblich. Bruce Willis mit 55 Jahren und Jessica Alba, 24 (»Sin City«). Bill Murray mit 53 Jahren auf Scarlett Johansson, 18 (»Lost in Translation«). Jeff Bridges, damals 60, mit Maggie Gyllenhaal, damals 31 (»Crazy Heart«). Mittlerweile ist Gyllenhaal 37 Jahre alt, und wie die Schauspielerin nun preisgab, wurde sie vor kurzem für die Rolle der Geliebten eines 55-Jährigen abgelehnt. Zu alt. Also – sie.

In Bezug auf eine Branche, deren Substanz die Oberfläche ist, wundert einen das im ersten Moment nicht. Dann aber schon, bedeutet es doch, dass man den Zuschauern Nahaufnahmen einer 37-Jährigen erspart, die Konfrontation mit einem 55-jährigen Mann ästhetisch aber für unbedenklich, wenn nicht für erstrebenswert hält. Und hier weist das Anekdötchen über Hollywood hinaus. Denn Altern, das scheint auch im realen Leben für ziemlich viele Männer ein Upgrade. Für die allermeisten Frauen dagegen eine Reise in die tiefste Nacht.

»Das Alter ist das schlimmste Unglück, das einem Menschen widerfahren kann«, wusste 2500 v. Chr. schon der ägyptische Philosoph Ptahhotep. Altern ist der Highway zum Tod. Gepflastert von Verlust, dem Nachlassen von allem: Ausdauer, Muskelkraft, Augenlicht, Hörvermögen, Gehirnleistung, Schlafqualität, Schönheit, Freundeskreis. Erfahrungsberichte über das Altern liegen uns seit Ptahhotep von allen grossen Denkern vor, doch die erschütterndsten stammen von Denkerinnen. Der Verlust der sexuellen Attraktivität scheint für Frauen seit Jahrhunderten derart existenziell, dass Susan Sontag 1978 die These aufstellte, das Altern selbst sei weiblich.

Altern als Krankheit

Im Essay »The Double Standard of Aging« erklärt Sontag, dass es für Frauen eben schlicht nur ein sanktioniertes Schönheitsideal gebe: das des Mädchens kurz nach der Geschlechtsreife. Schon der Übertritt vom Mädchen zur Frau werde als ästhetischer Absturz gewertet. Eine Frau altere deshalb nicht erst biologisch, sondern sozial dazu verurteilt bereits ab dem Zeitpunkt, an dem sie nicht mehr jung ist. Das Altern der Frauen, so Sontag, sei eine »gedachte Krankheit«.

Ein millionenschwerer Industriezweig melkt heute die Ängste 20-Jähriger vor ersten Augenfältchen. Ein Alter, in dem die Ehrgeizigsten sich bereits seit Jahren auf Diät befinden, um ihren Kinderkörper wiederherzustellen. Die Falten kommen trotzdem. Und dann das Klimakterium: mit Schweissattacken und Herzrasen auf dem Weg in die Unfruchtbarkeit.

Über ihre Wechseljahre notierte Simone de Beauvoir, die Menschen, die ihr begegneten, sähen nur eine Fünfzigjährige. »Ich aber sehe meinen früheren Kopf, den eine Seuche befallen hat, von der ich nicht mehr genesen werde.« Ob Bruce Willis, Bill Murray und Jeff Bridges sich so je fühlten?

Es ist Fakt: Männer altern anders als Frauen. Biologisch welken Männer ohne nennenswerte Tiefpunkte vor sich hin, sie »können« theoretisch bis ins hohe Alter. Sie altern aber auch sozial anders – vor allem sehr viel später. Für sie gibt es laut Sontag zwei Ideale, und biografisch gleiten sie von einem ins andere: vom androgynen Knaben zum männlichen Mann. Und während alle weiblichen Qualitäten im Alter verschwinden, nehmen die männlichen auf dieser Achse noch zu: Souveränität, Autorität, Weisheit, Macht.

Selbst mit Glatze, Falten und Übergewicht ist das Ende der männlichen Verführungskraft nicht erreicht. Den körperlichen Verfall können viele mit Erfolg, Prestige und Geld ausgleichen. Das Schicksal, für eine Jüngere verlassen zu werden, ist Topos einer Frauenbiografie. Geschieht es doch einmal umgekehrt, gilt der Spott ihr. Siehe Vera Dillier.

In der sogenannten Jetsetterin Vera Dillier verdichtet sich vielleicht ohnehin das ganze Drama des weiblichen Alterns. Sie verschweigt ihr Alter seit Jahrzehnten, wie viele Frauen, nur vulgärer (»Ich bin für immer 21, ihr Tubel!«). Und sie versinnbildlicht wie Cher oder Donatella Versace die Aussichtslosigkeit im Kampf um den Erhalt der Jugend, sprich: der sexuellen Attraktion.

Ein Kampf, der in solariumsbraunen Gesichtern aushärtet, unter aufgespritzten Falten viskos nachgibt und auf Mikroebene mit Co-Enzym Q10, Retinol, Kollagen und Botox gegen den Tod kleiner, unablässig sterbender Zellen antritt. Über die Nacktbilder, die Dillier diesen Frühling von sich und ihrem Freund Josef, 29, aus Tschechien veröffentlichen liess, lässt sich gesellschaftlich abgesichert lachen. Der Toyboy und die Alte. Das ist die Härte. Doch allen Härten zum Trotz: So leicht wie heute war Altern für Frauen noch nie.

Alte Frauen galten generell als »einfältig und dumm«. »Alt« und »hässlich« waren ein und dasselbe Wort.

Das aussagekräftigste Kapitel der Geschichte von Frau und Alter ist gleich einmal eines, das nicht existiert: Es hat niemand geschrieben, denn in historischen Altersdiskursen kommen Frauen so gut wie nicht vor. Ein Trost: Auch jenen, die vorkommen, den alten Männern, kam lange keine positive Rolle zu. Bei den Eskimos sollen die Alten überredet worden sein, sich in den Schnee zu legen und auf den Tod zu warten. Manchmal »vergass« man sie bei der Fischjagd auf Eisschollen oder mauerte sie in Iglus ein. Herodot berichtet von Stämmen im Kaukasus, die ihre kranken Senioren töteten – und die Gesunden unter ihnen assen.

Ehrung der Alten und Fürsorge leisteten sich erst Gesellschaften mit funktionierendem Ackerbau und Viehzucht, in denen es auf die Weitergabe der gesammelten Erfahrungen ankam. Das lebensrettende Senioritätsprinzip sicherten Traditionen und Rituale des Ahnenkultes – von dem aber nur Männer profitierten. Ihnen schrieb man Alterswerte wie Weisheit, Autorität und Erfahrung zu, Eigenschaften, die noch in der Antike mit Frauen ebenso wenig wie mit Sklaven verknüpft wurden. Alte Frauen galten laut dem Althistoriker Jens-Uwe Krause generell als »einfältig und dumm«. »Alt« und »hässlich« waren ein und dasselbe Wort. In Stein gemeisselt in Gestalt der »Trunkenen Alten«, einer der wenigen weiblichen griechischen Statuen: enthemmt, entstellt, entsetzlich.

Angespuckt und gequält

Ein weiteres seltenes Kunstwerk mit alter Frau als Motiv zeichnete 1514 Albrecht Dürer: seine Mutter Barbara. Eine Horrorgestalt. Im Gesicht 18 Kinder, »Pestilenz (…) Verspottung, Verachtung, höhnische Wort’, Schrecken und grosse Widerwärtigkeit«, so Dürer in der Unterzeile. Alte wurden gehänselt, angespuckt, gequält. Selbst wenn das Christentum forderte, Vater und Mutter zu ehren. Im 16. Jahrhundert wurden Gesetze notwendig, die Kindern mit Haft und Todesstrafe drohten, wenn sie die Eltern nicht weiter unterstützten. So viel zur Realität des trauten Mehrgenerationenhauses.

In Notwehr übergaben viele Altvordere ihre Höfe erst so spät wie möglich. In seiner »Geschichte des Alters« legt Peter Borscheid dar, dass der Hass auf die Alten und der Ekel vor ihren entstellten Körpern gerade in Hungersnöten und Pestzeiten alle Hemmungen verlor. Besonders traf es dann wieder die alten Frauen, von denen Erasmus von Rotterdam als von «wandelnden Leichnamen» mit »schlaffen und widerlichen Brüsten« sprach. Von »stinkenden Gerippen, die überall einen Grabesgeruch verbreiten«.

Im 17. Jahrhundert kamen Scherze über die »Altweibermühle« in Mode, in die man Frauen steckt, die »alssdann ihren Männern wider gantz anmuttig vnd erfrewlich zugestellt« werden, so die Erläuterung eines zeitgenössischen Kupferstiches. In dieselbe Kerbe schlägt der »Jungbrunnen« von Lucas Cranach dem Älteren: Auf dem Gemälde aus dem Jahr 1546 schleppen gutaussehende Männer hässliche alte Frauen zum Bassin, die dann am gegenüberliegenden Beckenrand als Mädchen wieder auftauchen und zum Festbankett abgeholt werden. Ein Schenkelklopfer. Und erster Artefakt des Traumes der künstlich verlängerten Jugend – der Frau.

Woher aber rührte die gnadenlose Ablehnung des weiblichen Alters? Licht ins Dunkel bringt für Genderforscher insbesondere der Umgang früherer Gesellschaften mit Witwen. Zum einen zeigt sich dabei: »Alt« war schon immer relativ. Denn eine Witwe, auch wenn sie erst fünfundzwanzig Jahre alt war, galt als Gebrauchsware in jedem Fall als alt. Zum anderen wird an Witwen deutlich, dass der Hauptdaseinszweck der Frau jahrhundertelang eben ausschliesslich in der Nachwuchsproduktion lag.

In »Growing Old in American History« beschreibt der Pulitzerpreisträger David Hackett Fischer, wie Witwen in frühen amerikanischen Kolonien von ihren Nachbarn in entlegene Gegenden gefahren und dort ihrem Schicksal überlassen wurden. Denn ihres Brötchengebers – und Sexualpartners – beraubt, waren diese Frauen für das Normgefüge eine wirtschaftliche und moralische Gefahr. Jenseits der Gebärtätigkeit gab es für sie keine sozial adäquate Rolle. Eine Wiederverheiratung war in solchen Kleinstdörfern aber kaum möglich. Wenn eine Frau ihre Daseinsberechtigung schon verlor, sobald nur der Ehemann temporär fehlt, wird klar, warum sie restlos als Ballast galt, sobald ihre Reproduktionstätigkeit biologisch stoppte. Unfruchtbarkeit war Metapher für das Leere, Sinnlose, Vergänglichkeit und Tod. Bekämpft mit maximaler Abwertung.

Großmutter-These

Dass eine alte Frau auch gut sein kann, ist eine frappierend junge Idee. Sie stammt aus der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts: Als Folge der Durchsetzung der bürgerlichen Familien-Ideologie entstand die Figur der Grossmutter. Ein gnädiges, der Kinderliebe verpflichtetes Wesen, das seine Mutterpflicht im Alter in Bemutterungslust umwandelt und der Arbeitsentlastung der wahren Mutter andient.

Im Nachhinein entwickelte sich daraus die »Grossmutter-These« des Evolutionsbiologen Eckart Voland. Voland fragte in diesem Jahrhundert ernsthaft, welche Lebensberechtigung Frauen jenseits der Wechseljahre hätten – und fand sie ursächlich in der speziesbefördernden Kinderbetreuung als Grosi angelegt. Wie viel Spass diese neue Rolle vielen Frauen tatsächlich gemacht haben dürfte, zeigt Volands Studie auch noch auf. Nach Sichtung der Daten aus sieben Ländern und Tausenden Kirchbucheinträgen des 18. und 19. Jahrhunderts fand sein Team zwar bestätigt, dass die Überlebenschancen eines Säuglings signifikant stiegen, wenn die Grossmutter zugegen war – aber nur die mütterlicherseits. Befand sich die Grossmutter väterlicherseits auch bloss im Nachbardorf, erhöhte sich die Kindssterblichkeit im ersten Lebensmonat um sechzig Prozent. Lebte diese Frau im selben Ort, sogar um 150 Prozent.

Offenbar bekam es nicht jeder Frau gut, als Babysitter des Balges einer Jüngeren abgestellt zu werden, die einem obendrein den Hof, den Sohn und die bitter erkämpfte gesellschaftliche Stellung wegnahm. Ein alternativer Lebensentwurf war für Frauen damals aber wieder nicht in Sicht. Denn die gesammelte Ablehnung konzentrierte sich nun auf die kinderlos alternde Frau – die Xanthippe, die Tante. Die alte Jungfer, die den Jungen die Jugend neidet, hässlich, hasszerfressen – der Inbegriff des sozialen Versagens.

Der Segen des Alters scheint in der Vita contemplativa zu liegen, die Welt ohne den Schleier der Hormone zu sehen.

»Doing aging« lautet das Stichwort, unter dem die amerikanische Genderforschung die Konstruiertheit des weiblichen Alters schon länger untersucht. Im deutschsprachigen Raum hat sich 2014 mit als Erste Bascha Mika an einem Schlüsselwerk versucht. In ihrem Buch »Mutprobe. Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden« klagt die ehemalige Chefredaktorin der »Tageszeitung« über »patriarchale Herrschaftsstrukturen«, die Frauen ab fünfzig gesellschaftlich »unsichtbar« machten. Der sexuelle Verfall einer Frau führe unweigerlich in die sexuelle Diskriminierung. Beruflich und privat nur noch Nachteile und Ausgrenzung. »Politik und Institutionen, Medien und Märkte« müssten zur Verantwortung gezogen werden, um auf dem Feld des Älterwerdens für Gleichberechtigung zu sorgen.

Fast wartet man noch auf den Aufruf, Männer gesetzlich dazu zu verpflichten, ältere Frauen sexuell attraktiv zu finden. Das Problem ist nur: Das wird so nicht klappen. Und das Problem ist vielleicht auch ein anderes: der extrem hohe Stellenwert von Sex und Sex-Appeal als gesellschaftliche Macht.

Wie schade! Denn fassen wir die Lebenssituation von Frauen unseres Kulturkreises am Anfang des 21. Jahrhunderts zusammen, sehen wir eigentlich: Es ist für die Frauen unwahrscheinlich gut vorangegangen, gerade in den letzten Jahrzehnten seit de Beauvoirs herzerschütternder Klage. Keine Frau ist heute mehr gezwungen, Ehefrau und Mutter zu werden. Wer Enkelkinder hat, muss sie nicht zwangsläufig versorgen, es gibt Krippen und Kindergärten dafür. Frauen dürfen single bleiben, lesbisch werden, polyamourös. Sie können sich einen Toyboy holen, ohne in ein Iglu eingemauert zu werden, und tun das auch immer mehr.

Frauen wie Männer altern heute obendrein wesentlich später, auch optisch. Erstklassige Ernährung, dauerhafter Frieden, medizinische und kosmetische Fortschritte machen es möglich. Ein eigenständiges, selbstbestimmtes Seniorenleben ausserhalb familiärer Zwangsstrukturen ist heute dank Rentensystem und Sozialfürsorge ebenfalls möglich. Und wenn eine will und genügend Geld investiert, kann sie sich wie Vera Dillier noch weit jenseits der Schallmauer des Klimakteriums fühlen wie eine 21-Jährige. Die Frage ist nur: Warum sollte man das wollen? Warum erscheint es so wichtig, bis zuletzt Akteur auf dem Sexualmarkt zu bleiben?

Schleier der Hormone

Als Frau in Maggie Gyllenhaals Alter mag die Verfasserin sich irren. Aber der grosse Segen des Alters scheint doch gerade in der Vita contemplativa zu liegen. Das, was Hermann Hesse die »Hingabe an das, was die Natur von uns fordert« genannt hat. Frei von den Leidenschaften und Begierden der Jugend die Welt ohne den Schleier der Hormone zu sehen. Nicht in Konkurrenz stehen, nicht prahlen müssen, all den Tand an sich vorüberziehen zu lassen. Sein. Nicht werden. Vielleicht auch Partnerschaft noch einmal anders begreifen. Nicht als gemeinsames Mass an MTV-Tauglichkeit, sondern als Vertrautheit, Summe der gemeinsamen Unternehmungen, wechselseitiges Wohlwollen, Fürsorge und gemeinsame Weltsicht.

Wenn das Alter nur die Verlängerung von bereits in der Jugend unhaltbaren Ansprüchen und Dummheiten ist, wird es ganz ohne Zweifel tiefste Nacht. Es schleift uns mit allen Gebrechen und Qualen ja nur mit – auf einen ganz anderen Konflikt zu, den letzten. Die Endphase des menschlichen Daseins ist ja primär ein ontologisches Problem. Per definitionem unlösbar. Ein metaphysischer Skandal. Der moderne Mensch befindet sich sein Leben lang auf der Flucht davor.

Die Sorge um den Verlust der Schönheit ist da vielleicht nur eine weitere Ausweichbewegung. Ein Fluchtimpuls vor der finalen Konfrontation, die gerade in einer Gesellschaft des endless summer und der zum Lebenszentrum stilisierten Jugend so stark verdrängt wird wie wohl niemals zuvor. In »Die Kunst des Älterwerdens« macht der britische Schriftsteller John Cowper Powys aber gerade den Frauen Mut: In ihrer Leidensfähigkeit, jahrhundertelang geschult, seien sie besser als Männer gerüstet, dem Alter und dem Tod zu begegnen. Die sicherste Strategie, das Unglück zu überstehen, laut Powys: bloss nicht Yoga, nicht Religion, bitte keine Askese. Sondern hemmungsloser Hedonismus und die Unsicherheit zur Norm erheben.