Mehr Artikel von:

Interview Magazin

An der Kante

Garth Risk Hallberg hat ein megalomanes Buch über das dem Untergang geweihte New York der 70er Jahre geschrieben. "City On Fire" ist großartig und 1100 Seiten lang. Hier spricht er über hohe Vorschüsse, überraschende Eingebungen und die seine Liebe zum Chaos.

Herr Hallberg, Ihr Buch „City On Fire“ spielt im New York der 70er Jahre, zu einer Zeit, in der die Stadt durch Kriminalität, Korruption und Arbeitslosigkeit am Abgrund stand. Nun sind Sie für ein paar Monate nach Barcelona gezogen, auf einen Kontinent, von dem man sagt, er sei dem Untergang geweiht. Zieht sie das Desaster an?

Eigentlich bin ich hier, um mein Buch zu promoten. Aber es stimmt schon. Mich interessieren Phasen, in denen die Zukunft nicht sicher erscheint, in denen man nicht voraussagen kann, wie es weitergeht. Es ist noch nicht lange her, so Ende der 90er Jahre, da dachten viele: Jetzt ist die Welt im Gleichgewicht. Der Kalte Krieg ist vorbei, die Wirtschaft läuft, die Banken prosperieren. Was soll noch kommen? Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama rief „Das Ende der Geschichte“ aus, die alten Verwerfungen sind Vergangenheit, das Leben wird zu einem ruhigen Fluss. Ein paar Jahre später fliegen zwei Flugzeuge in das World Trade Center und die alte Unsicherheit ist zurück. Bis heute.

Es ist erstaunlich, wie „City On Fire“ diese gegenwärtige Verunsicherung widerspiegelt, obwohl der Roman von einer anderen Epoche erzählt. Wie kamen sie darauf, die Handlung des Buches in die Zeit der Riots während des schweren New Yorker Stromausfalls 1977 zu verlegen?

Da muss ich weiter ausholen. Ich betreibe jetzt ein bisschen „monday morning quaterbacking“, wie wir in den USA sagen, ziehe also Verbindungen, die sich erst in der Rückschau offenbaren.Bitte.Ich komme aus North Carolina, aus der Provinz. Einer Gegend, die für jeden nur ein paar Wege im Leben bereit hält. Folgt man ihnen, gehört man dazu. Wenn nicht, ist man ein Außenseiter. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich stand dort von Anfang an außerhalb der Gesellschaft. Sehr früh flüchtete ich mich in Bücher, was dazu führt, dass man den anderen noch fremder wird. Ich las vor allem Fantasy-Bücher. Viele davon spielten in New York, einem Ort, den ich sogar auf der Landkarte finden konnte. Ich dachte, das muss der Himmel sein. Als Teenager war ich dann absolut verloren, wie so viele in dem Alter. Velvet Underground rettete mich, und ich entwickelte eine Obsession für Gedichte. Ich wusste, dass es eine Zeit in New York gab, wo meine Helden aufeinander getroffen waren. Allen Ginsberg, Andy Warhol, Patti Smith. Lyrik und Punk. Die 70er. Diese Stadt machte es möglich. Ich wollte da hin und selbst Dichter werden.

Wie lange hat es dann gedauert, bis Sie tatsächlich nach New York gezogen sind?

Lange. Ich tauchte zuerst einmal Mitte der 90er Jahre in die Punkszene von Washington DC ein. Das war die nächste größere Stadt, fünf Stunden entfernt. Jedes Wochenende fuhr ich hin, um etwa Fugazi live zu sehen, eine Band, die ich sehr verehrte. Zu dieser Zeit habe ich auch begonnen, Gedichte zu schreiben. Unglaublich schlechte allerdings.

Sie gaben also den Plan auf, der neue Ginsberg von New York zu werden.

Nicht ganz, aber nicht viel später lernte ich meine heutige Frau kennen. Sie hatte ein Stipendium in Washington. Und ich musste mich entscheiden: Frau oder Stadt. Ich entschied mich für die Frau, weil ich dachte, New York ist in drei Jahren auch noch da. Ich nahm einen bescheuerten, aber gut bezahlten Job an, bei dem ich lange technische Studien zu kurzen technischen Studien zusammenfasste und fragte mich: Was machst du da eigentlich? Nach sechs Wochen hörte ich ein komisches, eintöniges Stimmensummen aus den Nebenzimmern im Büro. Es war gerade das erste Flugzeug ins World Trade Center geflogen. Und dann hieß es, ein anderes sei über dem Pentagon gesichtet worden. Etwa eine Meile von dem Punkt entfernt, wo ich gerade stand. Plötzlich schien alles möglich. Bis zum Weltuntergang. Ein Schock und mit einem Schlag wurde mir klar, dass New York vielleicht in drei Jahren doch nicht mehr da ist, vielleicht nicht einmal am nächsten Tag.

Und dann sind Sie hin.

Es dauert noch einmal zwei Jahre. Aber dann passierte etwas mir bis heute Unerklärliches. Alles vorher erlebte kulminierte in einem Punkt. Ich fuhr mit dem Bus wie so oft vorher von Washington nach New York. Mein iPod war auf Shuffle. Und als wir die Stelle auf dem New Jersey Turnpike erreichten, von der man das erste Mal die Skyline von Manhattan sieht, lief gerade Billy Joels „Miami 2017“. Ich wusste nicht einmal, dass ich das Lied hatte, Joel ist ja nicht gerade Punk. Der Song ist aus den 70ern und handelt vom drohenden Untergang New Yorks. Er ist aber aus der Perspektive des Jahres 2017 erzählt. Die Leute haben die Stadt aufgegeben, im Atlantik versenkt und sind nach Florida gezogen, wo es immer warm und schön ist. Der Song ist wehmütig, so als betrauere er etwas, was für immer verloren gegangen war, was man aber nicht genau greifen kann. Und ich sagte mir: Das ist ein Buch.

Wie meinen Sie das?

Nach dem 11. September, in dieser Phase der Unordnung, waren die Leute sehr offen, sie trugen ihre Seelen außerhalb ihres Körpers. Es sah so aus, als würde aus der Zerstörung etwas Neues entstehen, vielleicht sogar eine neue Weltordnung. Das war natürlich naiv. Aber dieser Moment des kreativen Chaos verband die 70er mit dem Heute. Dieses Gefühl wollte ich festhalten. Mir stand plötzlich ein komplettes Buch vor Augen mit Charakteren, Handlungsläufen, Milieus. Es war faszinierend und gleichzeitig hatte ich eine Scheißangst.

Warum?

Weil es das war, auf was ich immer gewartet hatte. Eine Aufgabe, die mir so dringlich erschien, dass ich sie nicht nicht machen konnte. Ich wusste aber, dass es mein Leben für die nächsten Jahre auffressen würde. Und dachte, wer glaubst du eigentlich, wer du bist. 24 Jahre alt, ein paar Kurzgeschichten geschrieben, die ganz okay waren, und jetzt Großschriftsteller werden und einen dicken Roman wie Thackerays „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ oder Eliots „Middlemarch“ schreiben. Denn so ein umfassendes Ding würde es werden, das war mir klar. Ich traute mich nicht. Wir zogen nach New York, ich hatte ein Stipendium und brachte nebenbei Studenten für einen Hungerlohn bei, wie man Essays schreibt. Ich ging viel spazieren, fuhr Fahrrad durch die Stadt und verfasste Kurzgeschichten.

Es klingt so, als hätte sie sich vor dem Roman gedrückt.

Nein, das war alles Vorbereitung. Vier Jahre später fing ich an. 2007, kurz vor der Finanzkrise, wieder so eine Zeit der Unordnung. Und es stellte sich heraus, dass sich das Universum des Romans von selbst erweitert hatte. Zeitungsberichte, die ich gelesen hatte, Wandschmierereien, Bilder, Geschichten, die mir erzählt wurden, Witze, Millionen von kleinen Teilen fügten sich zu einem Buch.

Ein megalomanes Buch mit einem Dutzend Hauptfiguren, mehreren gleichzeitigen Handlungen und Nebenhandlungen, die in allen fünf Stadtteilen New Yorks spielen.

Ja, wie gesagt, es war klar, dass ich die Stadt in Prosa verwandeln wollte. Und für mich fühlte es sich absolut richtig an. Ich hatte große Freude beim Schreiben, aber ich erzählte niemandem davon. Denn es war ein völlig aus der Zeit gefallenes Projekt. Alle sprachen von den kurzen Aufmerksamkeitsspannen der Leute, die Kultur in kleinen Happen präsentiert haben wollen, Buchläden schloßen, die Verlage waren in der Krise, und ich schrieb ein Buch mit über 1000 Seiten. Ich wollte niemanden die Möglichkeit geben, mich auszulachen. Ich war erst einmal zufrieden damit, den Mut gefunden zu haben, das Buch anzugehen. Dachte aber nicht, dass es jemals erscheinen würde.

Wann änderte sich das?

Nach einiger Zeit gab ich meiner Frau die ersten 150 Seiten, und sie war sehr begeistert. Danach ein paar Freunden. Ich wartete immer darauf, dass jemand sagt: Was willst du mit dem Mist. Aber der Satz kam nicht. Und irgendwann nahmen die Dinge ihren Lauf.

Verlage lieferten sich ein Wettbieten, das mit einem Vorschuss von zwei Millionen Dollar für Sie endete.

Unglaublich. Ja, irrsinnig. Keiner ist darüber mehr überrascht als ich.

Spürten Sie Druck? Wie war es „City On Fire“ aus der Schreibstube an die Öffentlichkeit zu lassen?

Nein. Druck nicht. Ich hatte beim Schreiben das Gefühl, mein Innerstes in dieses Buch zu tragen. Unverstellt, es fühlte sich echt an. Ich denke, wenn man das Buch liest, spürt man die Freude und die Angst, die ich beim Schreiben hatte. Das findet beim Publikum Anklang. Und ein Buch kommt ja auch nicht an die Öffentlichkeit, es wird auf keiner Bühne präsentiert, sondern es wandert in die Privatgemächer der Leser, die eine persönliche Beziehung zum Buch aufbauen, zu der man keinen Zutritt hat. Das ist etwas sehr Pures und Schönes.

Der Grundton von „City On Fire“ ist melancholisch. Einmal heißt es „Jeder Mensch ist eine Kapsel“. Jeder ist also auf sich gestellt, aber verbindet uns nicht genau dieses Alleinsein?

Ja, das ist sicher eine Erfahrung, die wir alle gemeinsam haben. Wir oszillieren ständig zwischen zwei Polen, bei mir wechseln sie manchmal stündlich, ich bin anderen gegenüber offen und dann wieder verschlossen. Wir sind im Transit, auf dem Weg zwischen einem Zuhause, wo wir nie waren, zu einem Zuhause, das wir nie erreichen werden. Das ist traurig und hart. Aber man sollte diesen Schwebezustand akzeptieren.

Wir sollten also das Chaos umarmen?

Ja, zu einem gewissen Grad. Natürlich muss man sich einerseits schützen. Ohne einem bestimmten Maß an Sicherheit, kann man nicht leben. Andererseits hilft es aber auch nicht, alles unter Kontrolle halten zu wollen oder zu glauben, wenn man nur die eine Religion, die Kunst, den Sport oder den Job finden würde, die die eigene Identität festigen, dann würde man sich nicht mehr so einsam und abgefuckt fühlen. So funktioniert das Leben nicht. Deswegen sollte man auch nie Leuten vertrauen, die glauben, auf alles eine Antwort haben. Der nächste Einschlag kommt bestimmt und sie müssen sich neu orientieren. Denn wie gesagt, wir, unsere Gesellschaft, die Welt tanzen ständig zwischen den Polen Ordnung und Chaos. Das Buch ist meine Entdeckungsreise die Mechaniken dieses Tanzes zu erkunden.